Miuccia PradaZwischen zwei Welten

Auf dem Uferstreifen wartete derweil Miuccia Prada mit einem Sektglas in der Hand, die Ärmel ihrer weißen Hemdbluse hochgekrempelt, im Hintergrund Dogenpalast und Campanile, umringt von der Prominenz aus der internationalen Kunstszene. Dass sie genau darauf achtet, die beiden Bereiche Kunst und Mode nicht zu vermischen, verschafft ihr Glaubwürdigkeit. Damit überzeugt sie auch Künstler, die sich sonst nicht mit der Fashion-Welt einlassen wollen.

Während Mode-Milliardär François Pinault in Venedig den Palazzo Grassi kauft, um sich dort mit seiner Kunstkollektion in Szene zu setzen, erweist sich Miuccia Prada als diskrete Mäzenin. Für ihre Stiftung macht sie keine Werbung, und dass sie die Restaurierung alter chinesischer und russischer Filme fördert, ist kaum bekannt. Wenig weiß man auch über ihre bedeutende Sammlung. Unter anderem wird im Depot der Fondazione seit Jahren der 13 Meter lange, mit echten Blumen bepflanzte „Frühlingsgarten“ von Marc Quinn in Silikonöl bei minus 20 Grad frisch gehalten. In der Stiftung wird nun darüber nachgedacht, wie man diese Schätze der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. Auf subtile Weise lässt sich Miuccia Pradas intensive Beschäftigung mit Kunst in ihren Entwürfen ablesen.

Zwischen zwei Welten
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Die aktuelle Herbst-Winter-Kollektion ist reine Farbfeldmalerei. Ein schwarzes Kleid wird mit grauen Leggings kombiniert, die einen orangefarbenen Streifen überm Knie tragen. Eine hellblaue Jacke gesellt sich zum moosgrünen Rock. Und ein brauner Rock endet ausgefranst mit einer feinen orangefarbenen Linie. Wunderbar! Eng anliegende Strickmützen wiederum rücken mit einem intensiv blauen Rennstreifen die farbliche Gesamtkomposition zurecht. Daneben gibt es Röcke aus schwarzen Federn, deren Beschaffenheit reizvolle Rätsel aufgibt. Handelt es sich vielleicht um Kunststoff? Fachleute diskutieren über weitere Alternativen: Könnte es verfilzter Cloqué-Strick sein? Aufgeschäumtes Synthetikmaterial? Womit wir bei einer weiteren Prada-Passion wären.

In den Labors der Firma werden pausenlos neue Textilien entwickelt. Sie sind Miuccia Pradas Inspirationsquelle. Während Giorgio Armani wie besessen zeichnet, rührt sie keinen Stift an. Sie kniet auch nie vor einer Puppe, den Mund voller Nadeln. Prada-Fans machen alles mit: Strickjacken mit Gürtel, Kniestrümpfe mit Schottenmuster, senfgelbe Rüschenblusen. Und dabei gelingt Miuccia Prada die Quadratur des Kreises: elitär zu bleiben bei steigenden Verkaufszahlen. Da überrascht es kaum, dass die Maestra ihr Büro nach getaner Arbeit nicht wie andere Chefs verlässt. Carsten Höller hat ihr eine Rutsche gebaut, die aus dem dritten Stock direkt in den Hof führt. „Und wenn ich unten ankomme“, sagt Miuccia Prada, „habe ich immer die allerbeste Laune.“

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