Raf Simons' Einstand bei Dior„Ich fühle, dass man mich erwartet“

Text: Paulina Czienskowski
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Schichtwechsel! Raf Simons hat seine neue Mission in der Avenue Montaigne in Paris begonnen: Er ist der neue Chefdesigner des Traditionshauses Dior. Unter vielen talentierten Mitstreitern setzte der Belgier sich durch. Weltbekannte Designer wie Marc Jacobs oder Riccardo Tisci (Givenchy) standen auf der ellenlangen Liste der potentiellen Kreativdirektoren. Doch auf Simons fiel letztlich die Wahl. Nun tritt er in große Fußstapfen, vielleicht sogar in Fußstapfen, die er als Autodidakt nicht ausfüllen kann. Das glauben zumindest einige Kritiker.

Simons hingegen freut sich laut eigener Aussage auf diese Herausforderung und erklärte gegenüber der Pariser Tageszeitung „Le Figaro“, dass er schon in seinen sieben Jahren bei Jil Sander viele überrascht habe. Tatsächlich. Er war es, der 2005 für die Prêt-à-Porter-Frauenlinie des deutschen Modehauses engagiert wurde, obwohl er nie zuvor weibliche Mode kreiert hatte. Er war es aber auch, dem es gelang der Marke eine neue Identität zu geben.

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„Auch diesmal ist es wieder eine Herausforderung und ich weiß auch, dass sich viele erneut wundern, warum gerade ich es bin“, sagte der 44-Jährige im Interview. Für den Designer, der eigentlich aus dem Möbeldesign kommt, ist es auch bei Dior wieder ein Debüt: Zum ersten Mal designt er Haute Couture, neben der Prêt-à-Porter- und Accessoires-Linie für Frauen.

Als Autodidakt fühlt sich Simons in diesem Modehaus dennoch sehr gut aufgehoben, denn auch der Gründer sei ein Quereinsteiger gewesen, so der Designer. „Es ist ein seltsamer Zufall, dass auch Christian Dior damals zunächst eine andere Berufung hatte. Als Galerist entdeckte er große Namen der Malerei. Letztlich schlug er dann aber doch eine ganz andere Karriere ein, wie wir wissen.“

Mit der Wahl Raf Simons markiert Dior eindeutig, dass das Modehaus einen leicht veränderten Kurs einschlägt: ausgewogener, gesetzter, weniger exaltiert und doch soll die Dior-Weiblichkeit bestehen bleiben. Schon bei Jil Sander gelang es Simons, stets das gewohnte Gesicht und Tradition der Marke zu wahren und dabei dennoch seinen eigenen Stil nicht zu verlieren.

Raf Simons zarter Sommertraum zum Abschied
Raf Simons, Jil Sander, Fashion Week Mailand

Bei Dior treffen mit der Übernahme von Simons nun zwei krasse Gegensätze aufeinander: Design und Couture. Das eine sachlich und klar, das andere übersteigert und bizarr. Und wie verstehen sich diese Antagonisten nun miteinander? Simons, der Minimalist, von dem man Schlichtes und Klassisches gewohnt ist, soll eine enorme Exzentrik und Opulenz verstehen lernen. Schimmernde Oberflächen, mit Strasssteinen besetzte Stoffe, Weiblichkeit pur – alles Attribute, die man Dior zuschreibt und nun gar nicht mit Simons’ Design verbindet.

John Galliano, jahrelanger Chefdesigner des Modehauses, stilisierte sich selbst zu einer Kunstfigur und wurde vor seinen antisemitischen Äußerungen im vergangenen Jahr zum exzentrischen Aushängeschild der Marke. Raf Simons hingegen, der stets introvertiert und reserviert wirkt, bringt nun eine sachliche Note in die verspielte Tendenz Diors hinein. „Es wird sehr spannend“, erklärte er. „Nachdem ich ja viele Jahre bei Jil Sander verbracht habe, wo ich vor allem immer auf das minimalistisch gehaltene Erbgut der Gründerin Acht gegeben habe.“

Trotzdem freue er sich auf die Diskussionen mit den Näherinnen ,‚les petites mains’, um alles, was das Couture-Handwerk bedeutet, zu überdenken und in Zukunft mit gewissen traditionellen Linien vielleicht sogar in einem veränderten Licht zu arbeiten. Der Designer mag angeblich die Mischung aus minimalistischem Dekor und Sinnlichkeit. Genau das könnte die Simons’sche Richtung für Dior werden. Er selbst möchte „eine romantische Moderne“ für das Modehaus schaffen.

Trotz mancher Skepsis wird Raf Simons in Paris mit offenen Armen aufgenommen und das spürt auch er. „Ich fühle, dass man mich erwartet“, sagt er. Auf dem Gipfel seiner Karriere kann es wohl kein schöneres erstes Mal geben. Bonne chance, Monsieur.