Rollenspiele der GeschlechterWenn Frau auch Mann ist – und umgekehrt

von Amici Autorin Möchtegern-Fashionista und Tiegelvernichterin
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Saskia de Brauw ist Frauen- und Männermodel

Irgendetwas stimmt hier nicht. Ist der erste Gedanke. Aber was? Wenn wir die aktuelle Frühjahr-Sommer-Kollektion von Givenchy anschauen, heißt es zweimal hinsehen. Denn zwei der Models sind nicht männlich, sondern weiblich. Ja genau, Frauen modeln für eine Herrenkollektion! Eine davon: das niederländische Model Saskia de Brauw. Sie fällt kaum auf, läuft wie selbstverständlich mit. Der Haarschnitt ist genauso kurz und maskulin, wie der ihrer männlichen Kollegen. Einzig ihre dünnen und wenig muskulösen Arme verraten sie.

Und wenige Wochen später schlüpft die 31-Jährige schon wieder in die Rolle des anderen Geschlechts. Diesmal für eine Saint-Laurent-Kampagne, fotografiert vom Chefdesigner des Hauses, Hedi Slimane. Lässig und in cooler Manier posiert sie in Hemd und Krawatte. Auch hier ist sie gut „getarnt“. Ihre maskulinen Züge sind hohe und hervorstehende Wangenknochen. Sie ist hübsch, als Mann und Frau. Doch sie ist nicht die einzige. Der Trend der Transgender-Models, der mit Interview mit Andrej Pejic - „Ich trage lieber Frauenkleider“ in Frauenkleidern bekannt wurde, setzt sich nun umgekehrt fort.

Aus Künstlerin mach' Männermodel

Ein etwas „härteres Format“ gibt die Amerikanerin Casey Legler ab. Bei ihrem Anblick kommen im Gegensatz zu de Brauw sofort Assoziationen mit einem Mann auf: Die 35-Jährige ist tätowiert, posiert gerne cool, mit einer Kippe in der Hand und ist auch sonst wenig damenhaft. Im Gegenteil: Hier darf es gerne etwas prolliger sein.

Vor ihrer Modelkarriere war sie Profi-Schwimmerin und arbeite in New York als Künstlerin – bis sie durch einen Zufall beziehungsweise ihrem Freund, dem Fotografen Cass Bird, einen Gefallen tat. Der inszenierte sie neben Victorias-Secret-Engel Candice Swanepoel für das „Muse“-Magazin. Aber als Mann.

Daraufhin wurde die „Ford Modelagentur“ auf sie aufmerksam. Direkt hatte sie einen Vertrag und ist nun das erste weibliche Model, das in der Männerkartei für Kunden zu finden ist. Die Schublade, die vielleicht aufgehen mag, wenn man sie ansieht, geht genauso schnell wieder zu, sobald sie in Interviews spricht. Wenig prollig, dafür aber mit sehr viel Humor und einer durchaus femininen Seite spricht sie auf „Time.com“ davon, was sie sich wünscht: „Es wäre eine wundervolle Sache, wenn jeder genau das ausdrücken kann, was und wie er ist und tragen kann, was er möchte. Aber das ist meist sehr kompliziert.“ Und sie hat Recht. Menschen, die anders sind, werden gerne beurteilt oder verurteilt. Wenn Frauen auch privat gerne Männerklamotten tragen, lässt das keine Schlüsse auf ihre sexuellen Vorlieben zu.

Die schönsten Bilder von Andrej Pejic
Auffallen um jeden Preis

Für Furore sorgen Legler und de Brauw nicht – zumindest nicht im Modebusiness. Schließlich ist der Trend die Geschlechterrollen zu vermischen nicht ganz neu. 2006 schickte Jean Paul Gaultier Frauen und Männer in gleichen Kreationen über den Laufsteg. Als vor einigen Saisons Andrej Pejic unter anderem Frühjahr/Sommer 2012: Michael Michalsky - Multikulti-Modewelt und Jean Paul Gaultier gebucht wurde, ging dennoch ein Schrei durch die Modewelt. Groß wurde Pejic als Transgender-Model im androgynen Trend gefeiert. Ein Mann, der nicht nur als Frau auftritt, sondern ihr auch durch zarte und filigrane Züge sehr ähnlich ist.

Jetzt gibt es eben auch Frauen, die Männerklamotten tragen. Nichts Ungewöhnliches. Aber irgendwie doch. Denn dass die Modewelt auf einmal Damen-Kreationen an Männern präsentiert und umgekehrt, hat Botschaften. So vermuten Modekritiker hinter Hedi Slimanes Kampagne für Saint Laurent, dass er die Tragbarkeit seiner Herrenkollektion für beide Geschlechter demonstrieren will, um Konflikte und Geschlechtsunterschiede zu überwinden. Ähnlich wie Laurent selbst zu Beginn seiner Karriere mit den ersten Smokings für Damen von sich reden machte.

„Bewusst wollte ich die Geschlechtergrenzen nie verwischen“, sagte Slimane schon zu seiner Zeit bei Dior Homme im Interview mit „Facts“ (2006). „Ich persönlich habe einfach keine klare Vorstellung davon, was weiblich ist, was männlich. Meine Mode ist eine Übersetzung dieses undefinierten Unterschieds.“

Slimane baut und strukturiert gerade als Chefdesigner das einstige Label Yves Saint Laurent um, wie manche ihr Haus, was in der Branche kritisch betrachtet wird. Er versucht seine Ideale mit denen des einstigen Designer und Visionär Yves Saint Laurent zu verbinden. Gerade auch deshalb können die androgynen Models als Versuch gelten, das Label wie einst in den 60er-Jahren zu einem Vorreiter in der Modewelt zu etablieren.

Zur Geschlechterrolle von Kleidung sagte Slimane: „Kleider verlieren nicht ihr Geschlecht, aber sie definieren es auch nicht. Mode hat für mich gar nicht so viel mit körperlicher Präsenz zu tun als vielmehr mit einer geistigen Haltung“, so der Designer in „Facts“. „Frauen, die Dior Homme tragen, denken ähnlich wie Männer, denen meine Schnitte gefallen. Beide sind in ihrer Haltung verbunden, nicht durch ihr Geschlecht getrennt.“

Mode ist oft Kunst und sollte als Ausdruck dieser Form wahrgenommen werden. Grenzen überschreiten oder provozierende Statements sind nicht nur ein Beigeschmack, sondern zeigen und prägen den Zeitgeist einer jeden Epoche, halten die Mode lebendig und wandelbar. Im Interview mit dem Schwulenmagazin „Out“ sagte Pejic: „Ich würde gerne in einer Welt leben, in der Geschlecht, Nationalität, sexuelle Orientierung und vor allem der finanzielle Status nicht bestimmen, welche Möglichkeiten sich einem im Leben eröffnen oder wie man von anderen behandelt wird“. In seinem Sinne verabschiedet sich die Modewelt regelmäßig von Schubladendenken. Sie überrascht und erstaunt uns immer wieder.

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schulte  |  07.12.2012 08:04
Genau - Auffallen um jeden Preis
Warum soll man eigentlich jeden Schmarn ernstnehmen, den jemand mal wieder für sich entdeckt? Irgendwann muss mal gut sein mit dem Ego-Trip!

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