Umgang mit StarsKostbare Face-Time

Text: Mark van Huisseling

Umgang mit Stars

Vor einem Jahr wurde mir ein Interview mit Kylie Minogue angeboten. Wie üblich waren die Mitarbeiter der Plattenfirma EMI vor dem geplanten Treffen angespannt und reizbar. Mehrmals täglich riefen mich Leute aus der Promotionabteilung, kurz Promo, an, um mir mitzuteilen, dass die Rahmenbedingungen sich gerade ein wenig geändert hätten, und vor allem, um noch einmal deutlich zu machen, was man von mir erwartete: höfliche Umgangsformen, keine Fragen zu Miss Minogues Privatleben, die Gesprächsdauer von zehn Minuten einhalten, keine Fotos und so weiter und so fort.

© Reuters

Die Promo-Girls, es sind mehrheitlich Girls zwischen 20 und 30, versuchen also, dem Journalisten so etwas wie die Oberherrschaft über den Star vorzuspielen: „Ich hab gerade mit Kylie telefoniert und sie hat gesagt, ihr schedule sei dichter als geplant, weshalb wir vielleicht deine Face-Time um zehn Minuten kürzen müssen. Du hast also bloß noch zehn Minuten insgesamt.“ Übersetzt heißt das: „Mein Klon beim Künstlermanagement, ein Mädchen Anfang 20 und ebenfalls ohne jegliche Befugnis, hat mir mitgeteilt, dass Kylies Haar- und Make-up-Künstlerin bekannt gegeben hat, sie brauche mehr Zeit, weil Kylie gegenwärtig größere Augenringe hat.“

Anfänger regen sich in dieser Situation auf und spielen den Fachmann: „Nur zehn Minuten Face-Time? Unmöglich! Ich will 15 tief gehende Fragen stellen, um eine Titelgeschichte zu schreiben. Vier Seiten mindestens. Eher fünf. Oder sechs.“ Das führt zu nichts.

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Der erfahrene Star-Interviewer sagt: „Zehn Minuten? Das ist hart, aber ich werd’s schaffen.“ Face-Time bedeutet übrigens, dass man dem Star allein gegenübersitzt. Das heißt, ohne andere Journalisten. Möglich immerhin, dass ein „Berater“ oder sonst jemand ohne klare Aufgabe daneben sitzt und das Gespräch durch Kommentare stört: „Unangemessene Frage, fragen Sie etwas anderes.“ (Das sagte die Beraterin von Cindy Crawford zweimal, als ich Frau Crawford interviewte. Einmal auf meine Frage: „Sind Sie First Class von Los Angeles nach Genf gereist?“ Und einmal auf: „Bekommen Sie automatisch ein Upgrade, wenn Sie sich dem Check-in nähern?“)

Ganz unwichtige Journalisten, zum Beispiel Mitarbeiter von deutschen Regionalzeitungen oder Blättern aus bevölkerungsarmen Ländern, werden in Gruppen von bis zu zwölf mit dem Star in einen Raum gesetzt. Die Herausforderung besteht darin, regional gefärbte Fragen der Kollegen für die eigenen Bedürfnisse zu
gebrauchen: „Renée, mögen Sie Stockfisch?“, fragte ein Redakteur von „Aftenposten“ aus Norwegen Renée Zellweger, die nicht nur einen Großvater aus der Schweiz, sondern auch eine Mutter aus Norwegen hat, glaube ich.

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Kostbare Face-Time