Umgang mit StarsMein Regelverstoß

© Tom Haller

30 Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt betrat ich das Züricher „Dolder Grand Hotel“.

Ich ging an die Bar. An diesem Samstag waren dort viele Leute: Kylie Minogue und ihr Gefolge. Da saß die Frau, die mein Interview von 20 auf zehn Minuten gekürzt hatte, mit einer ins Haar geschobenen Sonnenbrille, fast ohne Make-up und in Kleidern, die eine Boutiquenverkäuferin trägt, wenn sie an ihrem freien Montag den Großeinkauf macht.

Sie trank Kräutertee und plauderte. Nicht dass ich ihr das missgönnte, aber der Kontrast zum anstrengenden, übervollen Terminkalender war beachtlich.

Ich setzte mich an einen freien Tisch, als Sting die Hotelbar betrat. Er sah sich kurz um, begrüßte Kylie mit zwei Küsschen auf die Wangen, bestellte nach einem kurzen Plausch ein Tonic und verließ mit dem Getränk in der Hand den Raum. Sting, der im Anschluss an diesen Nachmittag einen Auftritt im Stadion hatte, machte ebenfalls den Eindruck, als habe er viel Zeit. Mit diesem Supersuperstar hatte ich übrigens ein paar Stunden später auch noch ein Gespräch. Es war der „Nachmittag der Leguane” meiner bisherigen Karriere. Einmal war ich am selben Nachmittag mit Mark Knopfler von Dire Straits und Udo Jürgens verabredet. Auch nicht schlecht, aber lange nicht so gut. Schon weil man schreiben muss: „Mark Knopfler von Dire Straits“.

Dann verließ Kylie die Bar. Bald darauf führte mich ein Promo-Guy – tatsächlich, kein Mädchen – in ein Hotelzimmer. Er wiederholte einmal mehr das Wichtigste: dass Kylie eine sympathische, authentische und geduldige Künstlerin sei, dass aber schon ein kleiner Regelverstoß meinerseits einen „Hissy Fit“, einen hysterischen Anfall, bei ihr auszulösen imstande wäre.

Es kam natürlich alles ganz anders: Kylie verhielt sich, als wären wir zusammen zur Schule gegangen. Sie beantwortete Fragen willig, auch zu ihrem privaten Leben. Sie schien viel Zeit zu haben für mich. Sie ließ sich aufnehmen vom Fotografen, den ich auf gut Glück mitgebracht hatte. Als ich später das Band abhörte, musste ich mir allerdings eingestehen, dass sie mich in die Tasche gesteckt hatte. Heute noch, wenn ich manchmal ihr Bild anschaue, das an meiner Wand hängt, meine ich, sie habe mich wirklich sympathischer gefunden als andere Journalisten, weil ich so kluge Fragen stellte und so nett war. „Welches ist das beste Buch, das Sie dieses Jahr gelesen haben?“ – „Ähm, keines, bisher. Können Sie mir eines empfehlen? Das können Sie bestimmt, Sie lesen doch unheimlich viel, nicht wahr, Mark?“ Das Gespräch fand übrigens im Dezember statt.

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Mein Regelverstoß