TiereProjekt gegen Aussterben des Helgoländer Hummers

©dpa / Christian Charisius
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Professor Heinz-Dieter Franke sieht in der Zuchthalle der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) nach Charly.
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Ein Eier tragendes Hummer-Weibchen im Ökolabor.
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Fütterung der Junghummer in einem Aufzuchtbecken.

Inzwischen sind sie sich sicher: „Wir müssten 250 000 einjährige Junghummer im Labor züchten und aussetzen. Dann haben wir eine Chance“, sagt Professor Heinz-Dieter Franke von der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Kosten des Vorhabens: Bis zu 1,5 Millionen Euro über fünf Jahre verteilt. Gesucht wird ein Sponsor.

Seit vielen Jahren züchten die Meeresbiologen in einer Halle der BAH am Helgoländer Fährhafen Hummer. Unzählige Becken sind dort aufgestellt. Jungtiere, ausgewachsene Männchen und Weibchen – sie alle leben getrennt voneinander, denn Hummer sind Kannibalen. Überall blubbert es, wenn frisches Wasser durch Schläuche in die grünen Plastikwannen läuft.

In einer solchen lebt Charly, starr sitzt er in einer Ecke. Das etwa 25 Jahre alte Männchen ist eines von fünf der Biologischen Anstalt. Charlys Aufgabe ist klar: Er soll frisch gehäutete Weibchen begatten. Dafür wird eine Hummer-Dame über Nacht zu ihm gesetzt. Sie sendet Duftstoffe aus, die die Aggressivität des Männchens reduzieren. „Außerhalb der Paarungszeit würden sie sich sofort gegenseitig attackieren“, erklärt Franke. Damit Charly nicht zu stürmisch ist und das Weibchen verletzt, sind ihm vorübergehend die Scheren zugebunden. Die BAH besitzt zudem 60 meist trächtige Weibchen. Viele haben Fischer zwischen ihren Fängen entdeckt und beim Institut abgegeben.

Hummer können mehr als 50 Jahren alt werden. Als Räuber haben sie eine wichtige Funktion im Nahrungsnetz, ihnen schmecken Würmer, Schnecken, Muscheln oder Algen. „Deshalb ist der starke Rückgang der Hummerpopulation nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern auch ein ökologisches Problem für die Lebensgemeinschaft Helgoländer Felssockel“, sagt Franke und öffnet den Deckel einer grünen Box. Er hebt ein etwa 20 Jahre altes Weibchen aus dem Wasser und dreht das zappelnde Tier auf den Rücken. Bei diesem Exemplar kleben mehr als 5000 dunkle Eier am Hinterkörper, die das Tier neun bis elf Monate herumträgt. Im Frühsommer werden daraus die Larven schlüpfen, die in Spezialbecken aufgezogen werden. Als Junghummer werden sie schließlich in einem großen Bassin gehalten, das an einen Setzkasten erinnert.

Wenn die Hummer etwa ein Jahr alt und sechs Zentimeter groß sind, fahren BAH-Mitarbeiter in einer Sommernacht mit einem Boot raus aufs Wasser und setzen die Schalentiere aus. Begleitet werden sie von Besuchern, die für 25 Euro pro Jahr die Patenschaft eines Schützlings übernommen haben und so das Projekt unterstützen. Seit Beginn wurden mehr als 10 000 Hummer markiert und ausgesetzt. Erste Erfolge sind zwar sichtbar, doch für einen echten Effekt ist die Zahl der ausgewilderten Tiere noch viel zu klein. „Wir müssen der Population einen einmaligen, kräftigen Impuls verleihen, um sie über die kritische Schwelle zu bringen“, sagt Franke. „Langfristig würde der Helgoländer Hummer sich dann so vermehren, dass es wie früher wieder mehr als eine Million ausgewachsene Exemplare gibt.“

Um diese These untermauern zu können, haben die Wissenschaftler jahrelang gezüchtet und geforscht. Sie mussten sichergehen, dass die Umweltbedingungen sich für den Hummer nicht so sehr verschlechtert haben, dass eine Wiederaufstockung der Population aussichtslos wäre. „Die wissenschaftliche Fragestellung ist seit vergangenem Sommer abgeschlossen. Nun würden wir die Ergebnisse gerne umsetzen“, sagt der Biologe. „Wir sind auf der Suche nach einem Träger, der ein solch teures Wiederaufstockungs-Projekt fördern würde.“

Nur wenige Meter von der Zuchthalle entfernt stehen die für Helgoland typischen bunten Hummerbuden, die an die große Zeit der Hummerfischerei auf Deutschlands einziger Hochseeinsel erinnern. Richard Denker ist einer von noch sechs verbliebenen Fischern. Von ihren Fängen allein können sie nicht mehr leben, dafür ist die Ausbeute zu gering. „Derzeit sind es zwei bis drei Hummer pro Tag pro Fischer“, sagt Denker. „Wir hoffen sehr, dass es wieder mehr werden.“

Um 1930 wurden Spitzenfänge von 80 000 Hummern pro Jahr gemeldet, damals lebten rund 100 Familien vom Fang der Schalentiere. Seit den 60er Jahren aber ging es bergab. „Die genaue Ursache kennen wir nicht“, erklärt Franke. Die Verschmutzung der Nordsee mit Öl oder die Freisetzung von Giftstoffen nach der Bombardierung der Insel nach dem Zweiten Weltkrieg könnten Gründe sein.

Der Helgoländer Hummer gehört zur Art des Europäischen Hummers, den es in deutschen Gewässern nirgendwo anders als an der roten Felseninsel gibt. Bislang. Nach Angaben Frankes laufen Anträge, Exemplare an Windkraftanlagen in anderen Gebieten der Nordsee ansiedeln zu dürfen – etwa vor Borkum. „Im Bereich von Windkraftanlagen werden üblicherweise Steinschüttungen ausgebracht, die hervorragend geeignet sind als Lebensraum für Hummer.“

Quelle: dpa