Claudia Schiffer
Das Gretchen-Schema
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S. 3/3
Die überraschende Rückkehr der Schiffer fand in einer fein inszenierten Kampagne statt, die Karl Lagerfeld für Dom Pérignon fotografierte. Ihr großer Förderer spielt mit den Phantasien, die das blonde Gretchen-Schema als Projektionsfläche auslöst und zeigt sie als Zimmermädchen, moderne Domina, Managerin oder Madame Pompadour.
Interessant ist, wie Claudia Sex nur als perfektes Rollenspiel verkörpert und damit beweist, was die deutsch verstandene Elementartugend eines Models ist: eine Sphinxhaftigkeit, mit der sie das Motiv zwar ultraprofessionell darstellt, aber nie identisch wird mit der jeweiligen Hülle, in die sie sich verpuppt.
Jetzt leiht sie ihr Gesicht Kampagnen für Chanel, Louis Vuitton und Ferragamo. Vor dem unter Models verbreiteten Dorian-Gray-Komplex, unter der Vergänglichkeit der eigenen Schönheit zu leiden, bewahrt – das zeigt Claudia – nur die Metamorphose in eine Sphinx. Sie bleibt kühl, kein Gefühl. Wer sie enträtseln will, beißt auf den Granit des Normalen.
Wer sich durch die Internetseiten klickt, die Schiffer-Fans ihrem Idol gewidmet haben, entdeckt unendlich viele Facetten des meistfotografierten Gesichts der Welt, die uns indes nie verraten, was wirklich in ihr vorgeht. Denkt sie an ihre heimliche Leidenschaft für Kinderschokolade, wenn sie ihren Nachwuchs im Bugaboo durch London schiebt?
Schreibt sie in ihr Tagebuch Sätze von Max Frisch, einem ihrer Lieblingsautoren? Führt sie die Schildkröte, die sie von ihrem Mann geschenkt bekam, neben ihrem Schäferhund Oscar im Garten spazieren? Allein, dass wir verzweifelt an ein Geheimnis um die geheimnislose Claudia glauben wollen, beweist ihren Erfolg. Oder, wie meine preußische Großmutter immer wusste: Willst du gelten, komme selten.
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