Kanzlerkandidaten in der StilkritikMerkel oder Steinbrück: Wer gewinnt im Mode-Duell?

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Angela Merkel ist zum Stilvorbild für Peer Steinbrück avanciert. Dieser Eindruck jedenfalls entstand im Kanzlerduell. So unterschiedlicher Meinung die Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer in politischer Hinsicht sind, so einig waren sich die beiden in der Wahl ihrer Garderobe.

Beide setzten auf Mitternachtsblau. Signal der Businessfarbe: absolute Seriosität ohne zu viel Strenge.

Die Stileinigkeit lässt direkt denken an den ersten Internet-Chat Peer Steinbrücks als SPD-Kanzlerkandidat. Darin antwortete er auf die Frage, wovon er sich bei Angela Merkel gerne eine Scheibe abschneiden würde: „Von ihren Hosenanzügen.“ Gesagt, getan.

 

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Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wählte zum Zweiteiler, weißes Hemd und eine taubenblaue Krawatte mit weißen Streifen. Merkel kombinierte weißes Oberteil, dezentes Make-up mit nur leichtem Rouge und wenig Lippenstift sowie Schwarz-Rot-Gold-Kette zu ihrem Hosenanzug. Damit war der heimliche Star des Kanzlerduell geboren. Die „Schlandkette“ bekam sofort ihren eigenen Twitter-Account und meldete „Also ich häng hier so rum... und ihr?“. Übrigens trug Angela Merkel die Halskette bereits im Jahr 2009 - ausgerechnet, als sie gerade als Kanzlerin wiedergewählt worden war zum beinahe identischen Outfit. Doch wie geht das aktuelle Style-Duell aus?

Bunte Kette und Brille

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Sie stach sofort ins Auge: die Schwarz-Gold-Rot-Kette am Hals Angela Merkels. Zu bunt-verspielt auf den ersten Blick, auf den zweiten sind die Deutschlandfarben zu erkennen. Aber Moment, die Reihenfolge passt nicht zum schnell vermuteten Patriotismus. „Sie trägt mich falsch! Ich bin doch nicht Belgien!“, kommt so auch direkt der Hinweis auf dem Twitter-Account, der der Kette spontan gewidmet wurde. Mehr als 3000 Follower hat der Kanal unmittelbar nach dem Ende des Kanzlerduells. Von „pfiffig“ bis „geschmacklos“ lauteten die Kommentare dazu auf der Facebook-Seite von Focus Online. Ein Nutzer schrieb: „Mir gefällt die Kette besser als die Krawatte“.

Farblos dagegen blieb Peer Steinbrück in Sachen Accessoires. Er veredelte seinen Look lediglich mit Manschettenknöpfen. Politiker anderer Parteien wie Norbert Röttgen (CDU) und Ronald Pofalla (CDU) oder Guido Westerwelle (FDP) sind längst auf den Nerd-Brillentrend aufgesprungen. Der SPD-Kanzlerkandidat dagegen pflegt die Liebe zu seinem randlosen Beamtenbrillenmodell. Was signalisiert der Kanzlerkandidat damit? Trends mache ich nicht mit? Auf solche modischen Details lege ich keinen Wert, sie lenken nur ab? Mag sein. Doch auch eine verpasste Chance Kontur zu zeigen.

Style-Punkt: Angela Merkel für die „Schlandkette“

Mode und Macht
In ihrem dunkelblauen Zweireiher blieb Angela Merkel ihrer etablierten Power-Uniform treu. Spielte mit der Weiblichkeit nur mittels ihrer „Schland-Kette“. Anders als in Frankreich gehen in Deutschland Macht und Feminität schlecht zusammen. Man denke nur an die Diskussionen, die Angela Merkel mit ihrem aufregenden Dekolleté zum Opernbesuch in Oslo 2008 auslöste. Viele lobten sie für ihren Modemut, andere wiederum kritisierten zu große Offenherzigkeit. Mit Selbstverständlichkeit trug die französische Justizministerin Rachida Dati dagegen feminine Kostüme, weit ausgeschnittene Etuikleider oder edle Abendroben. Noch leichter haben es First Ladys wie die Gattin des französischen Ex-Präsidenten und Michelle Obama ihre Weiblichkeit zu inszenieren.

Dementsprechend setzt die Kanzlerin seit Jahren auf ihren Power-Look: Hosenanzug. Damit geht die Machtfrau auf Nummer sicher, wie Designer Michael Michalsky in einem Interview mit „Focus“ bemerkte: „Psychologisch ist es für Frauen in einer Männerdomäne am sichersten, dieselbe Power-Uniform zu tragen wie die Kollegen.“ Zu trendy angezogen, würde sie nur Spott ernten. Schlichte Einfarbigkeit ist es also worauf Angela Merkel mit ihren Zweiteilern setzt. Seit sie im Jahr 2000 CDU-Vorsitzende wurde, schneiderte diese Designerin Anna von Griesheim. Fünf Jahre später entdeckte Merkel die Hamburgerin Bettina Schoenbach für sich. Ihre Drei-Knopf-Jacke prägt den Kanzlerinnen-Stil. Schon zum Wahlabend 2005 wählte die erste Frau im Kanzleramt einen dunklen Hosenanzug mit weißen Knöpfen.

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Zum Kanzlerduell ist die kühle Eleganz in Drei-Knopf-Form wieder da. Ausgerechnet genauso, wie Angela Merkel sie 2009 als gerade wiedergewählte Kanzlerin trug. Einerseits subtile Machtdemonstration, andererseits passend zu Schoenbachs Devise: „Stil ist eine Sache von Kontinuität und Überzeugung.“ Sprunghaftigkeit ist Merkel in Sachen Mode definitiv nicht vorzuwerfen. Inzwischen hat die Bundeskanzlerin ihre Machtuniform in allen Farbabstufungen - womit sich der Kanzlerinnenblazer, kurz, einreihig, tailliert, ein eigenes Meme verdient hat: Blazer-Fotos sortiert im Stil der Pantone-Farbkarten.

Ganz seiner Styling-Linie treu blieb auch der SPD-Kanzlerkandidat. Selten variiert Peer Steinbrück sein weißes oder hellblaues Hemd mit einem gestreiften Modell. Der Business-Look ist stets perfekt. Lässig wird die Eleganz des Peer Steinbrück lediglich, wenn er den Kragen seines Trenchcoats hochschlägt oder sich einen Paisleymuster-Schal umlegt. Einzige Überraschung im Outfit des TV-Duells war tatsächlich die taubenblaue Krawatte mit weißen Streifen anstelle des erwarteten roten Binders.

Style-Punkt: Angela Merkel wieder dank der „Schlandkette“ in der Neuauflage ihres Wiederwahl-Outfits
 

Frisur und Fransen

Zugegeben, diese Kategorie scheint ein wenig unfair angesichts der schütteren Haarpracht des Herausforderers. Doch dadurch, dass der Kanzlerkandidat der SPD ganz natürlich bleibt, punktet er. Seriosität signalisiert Peer Steinbrück mit seiner Frisur - beziehungsweise dem, was davon übrig ist. Der Hanseat versucht keine südländische Verjüngungskur mit gefärbter Haartracht à la Silvio Berlusconi. Und Ernsthaftigkeit ist anstelle von Bunga-Bunga in der Politik dann doch gefragter, jedenfalls hierzulande.

Längst hat sich Merkel als Kanzlerin vom praktischen Bubikopf und ihrer Prinz-Eisenherz-Frisur verabschiedet. Inzwischen darf Starcoiffeur Udo Walz die Schere an das Kanzlerhaar anlegen. Erfolgreich hat sich Angela Merkel damit der Häme einstiger Frisur-Lästerer entzogen.

Mit toupierter Bob-Variante und auflockerndem Fransenpony hat sich die Bundeskanzlerin ein Statement der Unantastbarkeit zugelegt. Ähnlich der „Vogue“-Chefin Anna Wintour, die mit ihrem strengen Bob und der Sonnenbrille ihre immer gleiche Macht als Modegöttin ausdrückt, demonstriert Merkel, dass an ihrem Stuhl ebenso wenig zu rütteln ist.

Style-Punkt: für beide

Und so entscheidet ein kleines Detail das Mode-Duell der Kanzlerkandidaten: Gewinnerin ist Angela Merkel und verdankt alles ihrem mächtigen Wiederwahl-Outfit mit verspielter "Schlandkette".



Kerstin Kotlar
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