Irrtum des SommersLeinen knittert asozial

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Mittlerweile wissen alle: Leinen knittert nicht edel, sondern total asozial.

Eigentlich könnte man damit das Thema getrost zu Grabe tragen. Wenn sich nicht nach wie vor dieses hartnäckige Gerücht hielte, Leinen sei das ideale Stöffchen, um an heißen Tagen kühl zu bleiben.

Komischerweise denkt man das nur in Mitteleuropa, wo die warme Jahreszeit kurz und die Temperaturen moderat sind. Wo echte Hitze herrscht, etwa in wüstennahen Ländern wie Indien, Pakistan oder Saudi-Arabien, wird nie Leinen getragen, sondern nur leichte, weiße Baumwolle. Dort weiß man nämlich, dass sich Leinen bei Hitze auf der Haut anfühlt wie ein Reissack.

Auch ich weiß, wovon ich rede, habe ich doch ein paar Jahre im vorrevolutionären Iran verbracht. Damals war es in Teheran so heiß, dass anständige Leute in den Sommermonaten ihr Haus erst nach Sonnenuntergang verließen, aber Leinen (genauso wenig wie kurze Hosen – aber das ist eine andere Geschichte) trug wirklich niemand. Um trocken und elegant zu bleiben, entschieden sich Businessladys damals für knielange Röcke aus leichter Baumwolle, helle Blusen, die nicht so sehr auf der Haut kleben wie T-Shirts, und Sandalen mit nicht zu hohen Absätzen, damit die Füße nicht anschwellen. Nassgeschwitzt oder zerknittert war keiner.

Ich kann deshalb bei hiesigem Hitzegestöhne nur leise lachen, wenn sich arme Opfer wie meine Freundin Mel auch noch optisch komplett verunstalten, um nicht den Transpirationstod zu sterben. „Komm, nimm doch noch ein kleines Erdbeertörtchen“, sage ich zu der allmählich zerfließenden Mel und gieße ihr lächelnd ein Glas warm gewordenen Eistee ein.

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Leinen knittert asozial