KnitterwochenIrrtum des Sommers

Text: Wäis Kiani
© Reuters

Vor einigen Tagen gab ich eine kleine Gesellschaft auf meiner neu bepflanzten Terrasse. Der erste Gast war Mel. Sonst immer chic, sah sie irgendwie außer Form aus. „Mel, du machst einen zerknitterten Eindruck. Was ist mit deiner Hose los?“ Sie schaute an ihren ausgebeulten weißen Hosen hinunter. „Aber das ist doch Leinen!“, rief sie, als wäre damit alles entschuldigt. „Ja, und?“, quälte ich sie fröhlich weiter. „Dann kannst du auch einen durchsichtigen Vorhang tragen und sagen: ,Aber er hat eine Goldkante!‘“

Mel nahm sich ein Erdbeertörtchen und meinte unsicher: „Was soll man denn an so heißen Tagen sonst anziehen?“ Noch nie hat jemand gleichzeitig so ungebügelt und unglücklich ausgesehen. Aber selbst schuld. In den Achtzigern, als selbst ich noch an Leinen glaubte, hatte sich eine deutsche Modefirma sicherheitshalber einen klugen Werbespruch ausgedacht: Leinen knittert. Aber Leinen knittert edel. Ganz schön schlau. Sobald jemand jammerte: „Knittert!“, kam retour: „Aber e-d-e-l!“

So machte es uns nichts aus, in den beigen Hosenanzügen auszusehen, als hätte sich ein feuchter Elefant auf uns ausgeruht. Mit der Zeit wurden selbst bei den teuersten Modellen die Hosen dank sich stark dehnender Nähte immer weiter und gemütlicher, alles verbeulte in alle Richtungen und von hinten erweckte man den Eindruck, als hätte man seit Tagen in seinen Kleidern übernachtet.

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Irrtum des Sommers