Stilkontrolle Venedig FilmfestivalOffenherzige Dekolletés und verirrte Biene Maja

Das Filmfestival in Venedig neigte sich gestern dem Ende zu. Beim großen Finale wurde der Film "Sacro Gra" mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Nicht alle Looks der Veranstaltung waren hitverdächtig. Finale beim Filmfestival in Venedig. Als Style-Gewinnerin küren wir am letzten Festival-Wochenende Anna Mouglalis. In ihrer cremefarbenen Carmen-Robe von Chanel sah die französische Schauspielerin aus wie eine wunderschöne Flamencotänzerin. Und auch in ihrem schlichten, schwarzen Kleid machte sie eine elegante Figur. Anders sah der Auftritt von Model Denny Mendez aus. In einer zu weiten Robe mit gelben und schwarzen Streifen erinnerte die Laufstegschönheit an eine verarmte Variante von Biene Maja. Für Verwirrung sorgt der Auftritt von Regisseurin Anna Eborn ebenso. Sie kam mit Jeans-Hotpants, rotem Pulli und Stiefeln zum Filmfestival. Auch wenn die Schwedin vor Selbstbewusstsein nur so strotzte - dieser Look hatte auf dem roten Teppich definitiv nichts verloren.

Zwar wurden in Venedig keine Preise für die schönsten Looks vergeben, dafür für die besten cineastischen Leistungen. Die Jury zeichnete  dieses Jahr die Dokumentation „Sacro Gra“ mit dem Goldenen Löwen aus - und sorgte damit eine große Überraschung! Denn mit „Sacro GRA“ zum Leben am römischen Autobahnring gewann zum ersten Mal in der Festivalgeschichte ein Dokumentarfilm die höchste Auszeichnung.

© dpa/Claudio Onorati
Gianfranco Rosi mit dem Goldenen Löwen.
Schon die italienische Regielegende Federico Fellini verewigte die Mammutautobahn GRA, die sich um Italiens Hauptstadt wie eine Schneise in die Landschaft schneidet, in einem Film und inszenierte dort in „Fellinis Roma“ einen riesigen Stau. Regisseur Gianfranco Rosi wählt jetzt einen anderen Zugang und zeigt reale Menschen, die tatsächlich an dieser Schnellstraße leben und arbeiten.

Da sind Rettungssanitäter, die Unfallopfer bergen. Prostituierte, die auf einem Parkplatz auf Kunden warten. Bewohner von Häusern, an denen die Autos vorbeirasen. „Endlich steht der Dokumentarfilm auf Augenhöhe mit Spielfilmen“, jubelte Rosi bei der Preisverleihung am Samstagabend. „Dokumentation ist Kino.“ Er widme den Preis seinen Darstellern, „die mich in ihr Leben haben eintreten lassen“.

Während Scarlett Johansson vor Sinnlichkeit strahlte, schockierte eine andere Schauspielerin mit ihrer mageren Rückansicht. Hier sind die Tops und Flops vom roten Teppich des Filmfestivals Venedig.Allerdings ist „Sacro GRA“ kein klassischer Dokumentarfilm. Denn während die Protagonisten in diesem Genre sonst direkt in die Kamera sprechen, fehlt diese Struktur bei Rosi. Stattdessen filmt er seine Protagonisten im Alltag aus einer beobachtenden Perspektive, so dass diese teilweise wie die Schauspieler eines Spielfilms wirken. So ungewöhnlich diese Form auch ist - kaum einer der Kritiker hatte mit „Sacro GRA“ als Gewinner gerechnet. Schließlich kommt Rosi seinen Figuren nicht wirklich nah, sondern bleibt eher an der Oberfläche.

Dennoch scheinen die Entscheidungen der Jury vor allem die krisengebeutelten Länder Südeuropas zu favorisieren. Immerhin wurde noch die italienische Schauspielerin Elena Cotta für das die sizilianische Gesellschaft entlarvende Stück „Via Castellana Bandiera“ ausgezeichnet. Und auch das griechische Familiendrama „Miss Violence“, das mit seiner emotionalen Lethargie wie eine Parabel auf die derzeitige Lage des Landes wirkt, gewann gleich zwei Trophäen: für die Regie und den Hauptdarsteller.

Andere Werke des Wettbewerbs waren in ihrer Gesellschaftskritik und Darstellung verlorener Seelen jedoch eindringlicher und blieben stärker in Erinnerung. Dazu zählte beispielsweise das Drama „Jiaoyou (Stray Dogs)“, in dem der frühere Goldene-Löwen-Gewinner Tsai Ming-liang vom Überlebenskampf eines Vaters und dessen Kindern erzählte. Dafür gab es nun immerhin den Großen Preis der Jury.

Lingerie-Looks, Schwarz-Weiß-Kombinationen und Schlabber-Looks: Womit Dakota Fanning, Judi Dench und Freida Pinto am ersten Wochenende des Filmfestivals verzauberten und verschreckten.Auch „Die Frau des Polizisten“ des Deutschen Philip Gröning prägte sich nachhaltig ein und wurde in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury belohnt. Der 54-jährige Regisseur fokussierte sich auf die unheilvolle Gewaltbeziehung eines jungen Paares. In rund drei Stunden Zeit und in knapp 60 Kapitel unterteilt, wurde das Werk um Schläge in der Ehe so zu einer Studie menschlicher Abgründe - für Zuschauer in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung.

Doch selbst wenn nicht alle Jury-Entscheidungen immer ganz nachvollziehbar sind, so kann das Festival auf eine erfolgreiche 70. Ausgabe zurückblicken. Das war vor allem Alberto Barbera zu verdanken, der die Leitung im vergangenen Jahr übernahm und nun einige Veränderungen durchsetzte. Dazu gehörte auch die Konzentrierung auf das Wesentliche: ein starkes Programm.

Das ist wichtiger denn je. Denn die Konkurrenz durch andere Festivals und neue Sehgewohnheiten wächst. Barbera aber hat verinnerlicht, dass Festivals mit ihren Wettbewerben noch immer ein wichtiges Forum für das Arthousekino abseits der Hollywoodblockbuster sind - und dass dafür die Mischung aus altbekannten Regisseuren und Neuentdeckungen genauso wichtig ist wie die Strahlkraft von Stars wie George Clooney, Sandra Bullock, Scarlett Johansson und Nicolas Cage. All das gab es in diesem Jahr.



dpa/mz