Stilkritik Cannes 2013Schlüssel zum Sex-Appeal und Stil-Dilemmas

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Bei den diesjährigen Internationalen Festspielen in Cannes ist das anders. Denn die Halbzeitbilanz fällt angesichts der erstaunlich vielen starken Beiträge äußerst positiv aus.

Kein Wunder, dass schon die ersten Kandidaten als Anwärter auf die Goldene Palme diskutiert werden. Dabei stechen vor allem drei Werke hervor: Ein gesellschaftskritisches Sozialdrama aus China, die Beziehungsanalyse des Iraners Asghar Farhadi und das melancholische Porträt eines Folkmusikers der in Cannes schon mehrfach ausgezeichneten US-Brüder Ethan und Joel Coen.

Es sind bedrückende Bilder, die Jia Zhangke in „A Touch of Sin“ aus dem modernen China zeigt. Basierend auf vier wahren Fällen zeichnet der Regisseur ein Kaleidoskop des Landes, in dem emotionale Einsamkeit und die Gier nach Geld die Gesellschaft auf die Probe stellen. Vier Fälle, die mit dem Tod – Mord oder Selbstmord – enden; vier Fälle von Verlorenheit in der Post-Kommunismus-Ära. Das ist aufrüttelnd und mutig, denn Jia scheint keine Scheu zu haben, die Wirtschaftsmacht recht offen zu kritisieren.

Der iranische Regisseur Asghar Farhadi – oscarprämiert für sein Beziehungsdrama „Nader und Simin“ – sucht einen intimeren Zugang und fokussiert in „The Past“ auf eine einzelne Familie: Als Ahmad für die Scheidung von Marie (Bérénice Bejo aus „The Artist“) aus dem Iran nach Paris reist, erfährt er von einem Geheimnis aus der Vergangenheit, das die Beziehungen aller Beteiligten in Frage stellt. In seinem ersten außerhalb der Heimat gedrehten Films stellt Farhadi anders als in seinen Vorgängerwerken keine Verbindung zu gesellschaftlichen Missständen her, sondern belässt es bei seiner Analyse einer auf die Probe gestellten Familie.

Ganz anders und doch sehr preisverdächtig ist „Inside Llewyn Davis“ der Arthouse-Regiegrößen Ethan und Joel Coen („No Country for Old Men“, „The Ladykillers“). In einem gemächlichen Rhythmus porträtieren sie den Folkmusiksänger Llewyn Davis, wie er wenig erfolgreich durch das New York der 1960er Jahre treibt. Die Coens lassen sich Zeit für genaue Beobachtungen und – wie immer – schräge Details und Charaktere. Vor allem ihr Hauptdarsteller Oscar Isaac stellt in seiner ersten großen Hauptrolle die Stars Carey Mulligan und Erfolgsmusiker Justin Timberlake in Nebenparts glatt in den Schatten und katapultiert sich im Rennen um eine Auszeichnung weit nach vorne.

Außerhalb des Wettbewerbs sorgten zwei andere Werke für Aufmerksamkeit: Für den Thriller „Blood Ties“ um zwei gegensätzliche Brüder reiste mit Clive Owen, Marion Cotillard, Mila Kunis und Billy Cudrup gleich ein ganzes Hollywood-Stargeschwader an, während die Dokumentation „Seduced and Abandoned“ mit Alec Baldwin die zwei Seiten der glänzenden Filmbranchen-Medaille offenbart. Produzenten gewähren einen Einblick in das Geschäft hinter den Kulissen, in der nur der Profit an der Kinokasse zählt, während Regielegenden wie Roman Polanski, Francis Ford Coppola und Bernardo Bertolucci von den Schwierigkeiten erzählen, einen Film finanziert zu bekommen. „Seduced and Abandoned“ („Verführt und verlassen“) wird so zu einer ungewöhnlichen Hommage und Kritik auf die Filmbranche insgesamt und das Filmfest Cannes im Speziellen.

Quelle: dpa/keko