Das BochardtHöchste Promidichte

Was macht diesen Laden, der ein bisschen so aussieht, als hätte Interior-Queen Anne Maria Jagdfeld eine exklusive Bahnhofshalle entworfen, bloß so außergewöhnlich?

© Borchardt

Zufluchtsort vor der harten kulturellen Hauptstadtrealität war das „Borchardt“ schon in den goldenen Zeiten, als es noch als Kaisers Lieblingsspeisezimmer galt. Reichskanzler Chlodwig Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst notierte, nachdem er eine für seinen Geschmack wohl zu sozialdemokratisch gefärbte Aufführung Gerhart Hauptmanns über sich ergehen lassen musste: „Gingen nachher zu Borchardt, uns durch Champagner und Kaviar wieder in eine menschliche Stimmung versetzen.“

Hier ist der VIP noch Mensch, hier darf er’s sein.

Kaum eine Lokalität in Deutschland hat eine höhere Promidichte zu verzeichnen als diese. Keinem Restaurant wird in Klatschspalten, Politikkolumnen und Feuilletonartikeln gleichermaßen Aufmerksamkeit zuteil. Nirgendwo klappt die Freude am Leben so reibungslos wie in diesem ersten Wirtshaus der Republik. Und doch ist es dabei so herrlich normal geblieben.

„Es ist eben gerade nicht das, als was es immer bezeichnet wird: ein Promilokal“, sagt Jo Groebel, Professor für Kommunikationswissenschaften und mit dem Lokal so vertraut wie sonst nur noch die in goldene Mosaiksteinchen gefasste Weingöttin an der Wand hinter dem Tresen. „Den ,Borchardt‘-Leuten gelingt jeden Abend eine völlig neue, stimmige Komposition“, sagt Groebel. „Topmanager, Punks, Bundesminister, Filmstars, Touristen oder Soapsternchen fügen sich geschmeidig zueinander und bilden im besten Sinne eine spannende Gesellschaft. Es kommt andauernd zu Begegnungen, die den Abend überdauern werden.“

Das „Borchardt“ – eine soziale Utopie mit iranischem Kaviar und angeschlossenem Champagnerkeller.

Seit einigen Monaten sitzt einer in einer der hinteren Ecken und beobachtet aufmerksam das Treiben dieser besonderen Menschenmelange. Helmut Dietl, Großregisseur und Pathologe der deutschen Society, hat sich vorgenommen, seine Erfolge wie „Kir Royal“ und „Rossini“, in denen er den Münchner Bussi-Bussi-Moloch filmisch umsetzte, mit einer Berliner Version fortzuschreiben. Hauptschauplatz: Na, was wohl. Bevor er seine abendliche Recherche beginnt, gibt’s jedenfalls erst mal ein Dutzend Austern.