Das BorchardtBarchef à la Keanu Reeves

„Borchardt“-Insider wollen ein System dechiffriert haben, nach dem das Lokal funktioniert. „Die ,Borchardt‘-Leute sind perfekt im Platzieren der Gäste“, sagt Constantin Rothenburg, stets perfekt gestylter Bonvivant von Berlin Mitte.

Interessant aussehende, aber unbekannte Menschen nehmen demnach bevorzugt an der Fensterfront zur Straße Platz, im Mittelteil die Spaßfraktion mit Aufmerksamkeitswert, in den hinteren Nischen die wahren Größen und Stars. An der Fensterseite zum Hof finden Touristen und Investmentbanker ein Zuhause.

„Es kommt nicht von ungefähr, dass Gerhard Schröder von sich aus jene Sitzbank ausgesucht hat, die Besitzer Roland Mary, weil so unbequem, ungern Gästen anbot.“ So entstand das sogenannte Kanzlereck. Da erkennt man den wahren Sozialdemokraten. In der Phase der rot-grünen Regierung erwuchs das „Borchardt“ zur Staatsbühne und zum gefühlten Hinterzimmer des Kanzleramtes. „Abgeordnete oder Minister, denen es zu blöd war, eine Presseaussendung zu veröffentlichen, gingen einfach ins ,Borchardt‘ und sprachen so laut über ihre Neuigkeiten, dass irgendein Hauptstadtjournalist sie tags darauf als Exklusivmeldung druckte“, sagt Hajo Schumacher, Politikexperte und N24-Moderator.

Heute werden großkoalitionäre Entscheidungen wieder an Konferenztischen gefällt. Die Akteure von einst kommen natürlich nach wie vor. Als Cambridge-Professoren oder Biographie-Schreiber. Mit etwas Glück kann man in diesen Tagen Claudia Roth dabei beobachten, wie sie mit der ihr eigenen Vehemenz und mit vor Wut kullernden Augen versucht, kritische Parteikollegen von ihren Strategien zu überzeugen.

Vor kurzem ist der vermeintliche Treffpunkt des Berliner Patriziertums selbst Mittelpunkt einer politischen Auseinandersetzung geworden. Die Linkspartei WASG rief Hartz-IV-Empfänger auf, im „Borchardt“ jene Schnitzel einzufordern, die ihnen mit ihrem mickrigen Arbeitslosengeld verwehrt bleiben. Die Lokaltür musste abgeschirmt werden, fast wäre es zum Eklat gekommen. Einer der Demonstranten war jedoch so schlau gewesen, sich zuvor telefonisch einen Platz zu reservieren und wurde prompt eingelassen. Patron Roland Mary sah die Sache locker und freute sich, dem ungewöhnlichen Gast das Kalbfleisch mit der golden-knusprigen Panade kurzerhand zu spendieren. Mit Empfehlungen des Hauses. Deeskalation de luxe.

Man fühlt sich an die absurde Szene erinnert, als einmal ein besonders schlecht gekleideter Herr im speckigen Pullover eintrat und sich etwas verwirrt setzte. In jedem anderen Gourmettempel hätte man wohl kein Pardon gekannt. Doch hier ist Gast eben Gast. Gut fürs „Borchardt“, es handelte sich um den öffentlichkeitsscheuen Literaturstar Michel Houellebecq, der sich gerade auf Lesereise für sein aktuelles Buch „Plattform“ befand. Sein Besuch – heute legendär.

Wenn dieses Lokal eines nämlich nicht ist, dann hochnäsig oder elitär. Vielleicht fühlen sich die Wichtigen und noch Wichtigeren hier so wohl, weil die wirklichen Stars eines jeden Abends aus der Riege des Personals kommen. Ob Helmut Dietl das auch mitbekommen hat?

Es müsste schon ein Al Pacino ran, um Roland Mary in seinem lässigen Draufgängertum rüberzubringen. Und erst der fesche, stets sphinxenhaft lächelnde Barchef Ulf Klotz – zweifelhaft, ob Keanu Reeves das hinbekäme. Eine wichtige Rolle im Verborgenen spielt der massive Rainhard Lorenz, ehemals Leibkoch für Honecker und dessen „Gäste aus dem kapitalistischen Ausland“ und heute Schnitzelklopfer vom Dienst – möglicherweise mit Heinz Hoenig perfekt besetzt. Und wer soll bloß den stets servil-amüsanten Oberkellner Pavlo Pandza spielen? Keine Frage, da müsste Anthony Hopkins ran. Ob Dietl sich so eine Besetzung leisten kann?

Dem wahren „Borchardt“-Stammgast wird’s egal sein. „Für mich sind es diese magischen Momente, die mich ins ,Borchardt‘ ziehen, wenn man im Sommer im Garten sitzt und plötzlich die Morgensonne durch dein Glas Sancerre blinzelt“, sagt Jo Groebel. „Und dann drehst du dich um und Henry Kissinger sitzt da, so ganz ohne Aufhebens, und lächelt zufrieden.