Noch ein kleines BierPrag

Nur wer dreimal am Tag ins Café Slavia geht, ist ein richtiger Prager:
Mittags um kurz nach zwölf sitzt der richtige Prager das erste Mal hier, ganz hinten rechts, unter dem großen grünen Bild des verrückt gewordenen Absinthtrinkers, er schaut auf die Moldau und denkt an gestern Abend. Das erste kleine Bier kommt, dann das Gulasch mit Knödel und geriebenem Meerrettich, dann noch ein kleines Bier und dann kommen die ersten Touristen und es ist Zeit für den richtigen Prager zu gehen.

Um vier oder fünf ist er wieder da. Jetzt sind ihm die Touristen egal. Sie sind müde vom Tag und darum nicht ganz so laut und er ist auch müde, er trinkt schnell seinen Kaffee, raucht, schaut auf die Moldau und fragt sich, ob die junge Frau von gestern Abend später wieder da sein wird. Beim Zahlen guckt er den Absinthtrinker fragend an und der nickt.

Ja, sie ist da. Als er um halb zehn wiederkommt, sind die Touristen gegangen, aber sie sitzt am Fenster an einem der kleinen Tische und schaut auf die Moldau. Draußen ist es jetzt dunkel, nur die Lichter der Burg und der Kleinseite spiegeln sich auf der schwarzen Wasseroberfläche und die vorbeifahrenden Autos und Straßenbahnen blinken wie Leuchtreklamen in der Nacht.

Die junge Frau hat ein kleines Heft vor sich liegen, in das sie ab und zu etwas schreibt. Sie hat braunes Haar, braune Augen und bestimmt wartet sie schon seit Jahren auf jemanden, den es nicht gibt. Der richtige Prager überlegt kurz, ob er das sein könnte, aber der Absinthtrinker schüttelt den Kopf. Noch eine oder zwei Zigaretten, denkt der richtige Prager, und ein, zwei Gläser Wein und dann muss ich gehen. Er setzt sich mit dem Rücken zum Absinthtrinker, schaut auf die Moldau, und als die junge Frau zahlt, zahlt er auch. Jeder kann ein richtiger Prager sein, sogar ein Tourist.


Der Schriftsteller und Journalist Maxim Biller wurde 1960 in Prag geboren, 1970 emigrierte seine Familie nach Deutschland. Mit Kaffeehäusern und Frauen kennt er sich aus.

Sein Tipp:
Café Slavia nàrodnÍ trÍda 1/1012, gegenüber dem tschechischen Nationaltheater