Ort der TräumeBeirut

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Sobald der Flieger die südliche Ägäis überquert, wechselt die Stimmung der Passagiere. Sie springen auf, sprechen lauter, lachen, beugen sich über die Rückenlehnen zum Hintermann und klopfen sich auf die Schultern. Beirut ist nicht mehr weit.

Der Ballast Nordeuropas fällt ab. Man darf wieder Mensch sein. Passend zum Rhythmus der Stadt kommt das Flugzeug mitten in der Nacht an. Aus Gewohnheit. Aus Vorsicht. Beides wahrscheinlich. Beirut – der Treffpunkt der Gegensätze. Begeisterung und Abscheu. Zerstörung und Wiederaufbau. Leben und Tod. Vielleicht gerade deswegen einer der faszinierendsten Orte der Welt.

Es gibt an einem verregneten Tag in Berlin kaum etwas Verführerischeres, als sofort den Flieger nach Beirut zu nehmen und sich gegen drei Uhr morgens mit einem Taxi in die Stadt fahren zu lassen. Der warme Sommerwind streicht durch das Fenster und braucht mich nicht lange zu umschmeicheln, um mich zu betören. Meine Anspannung habe ich schon beim Zoll gelassen. Nach ein paar Stunden Schlaf begrüße ich das Leben mit einem frisch gepressten Orangensaft in der quirligen Studentenmeile Bliss Street, lasse mir von Freunden die Treffpunkte für den Abend durchgeben und entschließe mich zu einem Spaziergang durch den Park der American University, der sich bis zur Straßenpromenade herunter an den Hang schmiegt. In den Morgenstunden findet sich dort die Schickeria ein, zum gepflegten Jogging im Designer-Sportdress. Einige Damen drücken zwischendurch ihre aufgespritzten Lippen zurecht, aber das stört nicht weiter. Leben und leben lassen.

Die Leichtigkeit nimmt mich in Beschlag. Ich biege zwischen dem ehemaligen Militärstützpunkt und dem Lunapark in den Sandweg ein, der zum Meer führt. Katzen kreuzen den Pfad, der am Ort meiner Träume endet – dem Rawda. Ein Sommergartencafé direkt an der Felsküste. Ein 70er-Jahre-Relikt mit hellblau abblätterndem Putz an den Betongauben, Kieswegen, duftender violetter Büschepracht, weißen Plastikstühlen und blau-weiß karierten Tischdecken. Der beste Platz auf Erden. Zum Starren, Gedanken lauschen, abschalten.

Ab und zu kommt einer der Ober vorbei und bringt Minztee, Mokka, ein Bier, eine Shisha und etwas zum Knabbern – libanesische Vorspeisen, die Gott in Frankreich erblassen lassen. Das Brausen der Gischt wird zum Mantra. Einer der wenigen Orte, an denen ich das Zeitgefühl total verliere. Aber dieser Verlust hat mich noch nie gestört. Wirklich nicht.


Alia Rayyan ist plästinensisch/deutscher Herkunft und lebt und arbeitet als Journalistin und Kulturmanagerin zwischen Berlin, Beirut und Ramallah. Ihr Motto: „Die Mischung macht’s“.

Ihre Tipps:
Bliss Street im Hamra-Viertel – Jede Menge nette Cafés und SnackBars.
American University of Beirut mit grossem Park am Ras Beirut.
Café Rawda, Raouche, neben dem Sporting Club an der Corniche