Spielregeln für ParisLes Règles du Jeu

Text: Julia Werner
© Kerstin Wacker/www.Jutta-Fricke.de
1. Wer keiner Clique angehört, existiert nicht

Niemand in Paris kommt auf die Idee, zu zweit in einen Club zu gehen. Die Pariser Gesellschaft setzt sich ausschließlich aus Cliquen zusammen, die man hier bandes nennt. Sie sind so etwas wie Familienersatz. Denn in der Stadt der Liebe kann man so einsam sein wie nirgendwo sonst auf der Welt. Einfach so auf der Straße zum Kaffeetrinken eingeladen wird man in Paris höchstens von Psychopathen. Und ins Gespräch kommt man nur dann, wenn man von jemandem vorgestellt wird. Damit man nicht selbst als Psychopath endet, braucht es also noch vor einer ungezieferfreien Wohnung eine Clique. Das funktioniert wie folgt:

Mit dem paranoiden Bürokollegen oder dem Joints rauchenden Nachbarn ausgehen und sich allen möglichen Leuten vorstellen lassen. Die Vorgestellten mit versauten Witzen und den neuesten Christian-Louboutin-High-Heels für sich gewinnen. Und dann aus reinem Selbstschutz selbst Snob werden. Dieses System funktioniert in allen Bereichen von Politik bis Kino. Sehr angesagte Cliquen sind die von Karl Lagerfeld, die um Nicolas Ghesquière und Charlotte Gainsbourg, die um Stefano Pilati und die von Ségolène Royal. Die neue Generation der It-Bandes: Chefredakteurintochter Julia Restoin-Roitfeld und Bruder Vladimir, seinerseits Freund von Model Mariacarla Boscono, ihrerseits Muse von Riccardo Tisci. Gute Locations, um das System anzuwenden, sind: „Brasserie Lipp“ (151, boulevard Saint-Germain), immer noch das „Costes“ (239, rue St-Honoré), die Bar im „Ritz“ (15, Place Vendôme) und vor allem die „Bar Mathis“ (3, rue de Ponthieu). Allerdings muss hier die dicke Bardame überwunden werden, die einen nur reinlässt, wenn man jemanden kennt, den sie kennt. Es ist ein Teufelskreis.