IstanbulOrient Exzess

Text: Arezu Weitholz

Zwischen Asien und Europa

Ali blickt tief in meine Mokkatasse. „Laufen wirst du. Viel laufen“, sagt er. Wir sitzen im „Hamdi“, einem Restaurant an der Galata-Brücke. Ali liest mir aus dem Kaffeesatz. Gern würde ich ihm verraten, dass ich eigentlich bloß zum Einkaufen nach Istanbul gekommen bin, doch die Stadt da draußen ist über 3000 Jahre alt, früher hieß sie Konstantinopel, davor Byzanz. Der Name einer
Tasche klingt hier wie ein Husten in der Zeit.

Samstag früh im Stadtteil Nisantasi. Hier gibt es Gucci und Starbucks. Marzipan und Schuhe. Bücher und Möbel für reiche Russen, aus Samt, Gold und mit lustigen Raubkatzenmustern. It-Girls wie Nicky Hilton fahren vom Flughafen direkt in dieses Viertel, bevor sie im Hotel einchecken. Heißt es. Viele türkische Designerläden, noch mehr internationale. Im Luxuskaufhaus Beymen sehe ich eine schwarze Downtown von Yves Saint Laurent. Als gute Kopie gibt es die Tasche bei Topshop an der Istiklal im Stadtteil Beyoglu, nur zehn Minuten von hier. Als besonders schlechte hängt sie im Grand Basar am Hafen.

Kurze Erholungspause im Cemberlitas-Hamam, einem der ältesten Badehäuser der Stadt. Wie die Blätter einer Blume liegen halbnackte Frauen auf dem Marmor, kichern, gähnen, räkeln sich. Bademeisterin Necla trägt einen Schlüpfer, sonst nichts. Sie winkt mich zu ihr. Dann werde ich geschrubbt, umgedreht, massiert, beschäumt, wieder umgedreht, kräftig gerubbelt, bespült, und am Schluss haut sie mir auf den Rücken, als würde sie an eine schwere Eisentür bollern. Ich fühle mich wie Kuchenteig. Bevor ich gehe, trinke ich an der Bar ein Glas frisch gepressten Granatapfelsaft. Blutrot. Lecker.

Im „Café Ara“ am Galatasaray-Gymnasium sitzen Murat Ertel, Sänger der Band Baba Zula, und die Künstlerin Ceren Oykut. Sie erzählen mir, warum sie gern mit dem Boot ab Eminönü den Bosporus hinauffahren und in Anadolu Kavagi Fisch essen. Oder am Rumeli-Schloss frühstücken. Wieso Nobelpreisträger Orhan Pamuk so melancholische Geschichten schreibt, und dass die Erzählungen von Sait Faik, die Gedichte von Nazim Hikmet, die Romane von Yasar Kemal nur die Spitze eines Berges aus Poesie und Phantasie sind. Und dann erzählt Ceren, warum sie beim Lindentee immer an ihre Kindheit denken muss, denn sie ist am Bosporus aufgewachsen, und dort riecht es im Frühling überall nach Lindenblüten.