BrauchtumAmerika im Weihnachts-Kaufrausch

© dpa / Andrew Gombert
Weihnachtsshopping in den USA.

Zielstrebig steuert Richard Mast auf einen Apfel aus rotem Glas zu. „Da ist ja unser Top-Seller.“ „New York“ steht in goldenen Buchstaben darauf. Anstelle eines Stiels hat das Glas-Obst eine Schlaufe, mit der es an den Weihnachtsbaum gehangen werden kann. „In der Saison verkaufen wir tausende davon am Tag“, sagt Mast und strahlt den Apfel an.

Gemeinsam mit gelben Taxis, grauen Freiheitsstatuen, flachen U-Bahn-Karten und hunderten weiteren Weihnachtsbaumkugeln im New-York-Stil hängt das Stück an einer mannshohen Tanne, die mitten auf dem siebten Stock des Edel-Kaufhauses „Bloomingdales“ das Kernstück der Weihnachtsdekoration bildet. Von der Tanne selbst ist nicht viel zu sehen. „Schön, nicht?“, fragt der immer noch strahlende Mast. „Letztes Jahr kamen Jay-Z und Beyoncé hier vorbei. Als sie den Baum gesehen haben, haben sie ihn vom Fleck weg gekauft, dabei ist er doch eigentlich nur unsere Deko. Aber meine Mitarbeiter haben ihn dann, genauso wie er hier stand, bei ihnen zu Hause wieder aufgebaut.“

Schon eine einzige solche New-York-Kugel kann bis zu 125 Dollar (etwa 95 Euro) kosten, aber Geld sei bei seiner Kundschaft nicht so das Problem, sagt Mast. Kurz vor Weihnachten ist der Manager wie jedes Jahr im Dauerstress. 25 000 Menschen strömen jeden Tag in das Edel-Kaufhaus an der New Yorker Lexington Avenue. Im November und Dezember – den wichtigsten Verkaufsmonaten – sind es 30 000. Auch die Zahl der Angestellten erhöht sich von 2500 auf 3000. Geschäftszahlen veröffentlicht das einst von den Nachfahren deutscher Einwanderer gegründete Geschäft, das inzwischen zur US-weiten Kette geworden ist, nicht, aber darauf angesprochen strahlt Mast weiter – und schweigt.

Jedes Jahr vor Weihnachten verfällt Amerika dem kollektiven Shopping-Rausch. Rund 750 Dollar will jeder Amerikaner in diesem Jahr nach Angaben des Einzelhandelsverbandes ausgeben – für alles vom Plätzchen über die Geschenke bis hin zum Deko-Rentier. Das macht insgesamt fast 600 Milliarden Dollar – rund vier Prozent mehr als letztes Jahr, sagt Verbandssprecherin Kathy Grannis. Und das obwohl die Konjunktur und der Arbeitsmarkt alles andere als rosig aussehen.

Zum letzten Adventswochenende wird der Ansturm noch einmal besonders groß ausfallen, sagt Grannis voraus. „Die Händler versuchen mit allen Mitteln, die Menschen, die alles bis auf die letzte Minute aufschieben, durch ihre Türen zu bekommen.“

Ganz oben auf der Geschenkliste? „Gutscheine. Mehr als die Hälfte aller Amerikaner wollen sie unseren Umfragen zufolge und 80 Prozent kaufen sie“, sagt die Verbandssprecherin. Ist das nicht ein bisschen unpersönlich? „Ach, heute kann man die mit Fotos und allem möglichen verzieren, dann wirkt das sehr persönlich. Gutschein-Karten sind auf dem Weg, die angesagtesten Geschenke von allen zu werden.“ Im Edel-Kaufhaus verkauften sich zudem Kaschmir-Pullover, Kosmetik und Technik-Accessoires ganz besonders gut, sagt Manager Mast.

Zwei Straßenblocks entfernt flanieren Touristen und Einheimische auf der weihnachtlich geschmückten Madison Avenue – der nach Angaben der Vermarktungsgesellschaft längsten Luxus-Shoppingmeile der Welt. Bis zu 15 000 Dollar pro Quadratmeter kosten die Ladenmieten, sagt Matthew Bauer, der die Gesellschaft leitet. Fast alle großen Designer haben hier Filialen, dazwischen liegen Uhren- und Schmuckläden, Galerien und an der Ecke 61. Straße das nächste Nobel-Kaufhaus: „Barneys“. 2011 entwarf die Sängerin Lady Gaga hier die Weihnachts-Schaufenster. In diesem Jahr hat Disney Mäuse in den Auslagen verteilt und lässt Filme laufen. Kinder drücken ihre Nasen an die Scheiben.

„Bunte Jeans laufen in dieser Weihnachtssaison super“, sagt ein „Barneys“-Sprecher. „Und Handtaschen. Am besten immer Einzelstücke, die es nur bei uns zu kaufen gibt.“ Auch für seine Kundschaft an der Madison Avenue ist Geld kein Problem. Das Kaufhaus liegt mitten im New Yorker „10065“-Gebiet – dem laut „Forbes“-Magazin teuersten Postleitzahlengebiet der USA. Und 60 Prozent der Menschen, die hier in den Nobel-Läden einkaufen, leben auch hier, sagt Vermarkter Bauer.

Aber auch wer sich die Madison Avenue nicht leisten kann, gibt sich in diesem Jahr große Mühe mit Geschenken, sagt Kathy Grannis vom Einzelhandelsverband. „Die Menschen wollen ihre Liebsten verwöhnen.“ Und immer mehr Amerikaner suchten auch nach praktischen Geschenken, mit denen die Liebsten wirklich etwas anfangen können.

Der neueste Trend laut Tageszeitung „USA Today“: Auto-Ersatzteile. „Weil sich viele Amerikaner keine neuen Fahrzeuge leisten können (...) feiern Ersatzteile dieses Jahr sehr unerwartete Auftritte unter US-Weihnachtsbäumen.“

Quelle: dpa
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