FilmBerlinale-Wettbewerb: Top oder Flop?

© dpa / Sven Hoppe
Regisseur David Gordon Green (M) mit seinen beiden „Straßenbauarbeitern“ Emile Hirsch (l) und Paul Rudd.

- „In the Name of“ („W imie...“) von Malgoska Szumowska (Polen): Einem schwulen Priester in der polnischen Provinz fällt die selbst gewählte sexuelle Enthaltsamkeit immer schwerer. PRO: Sensible Studie über die seelische Not von Homosexuellen in der katholischen Kirche. CONTRA: Am Ende wird die feinfühlige Erzählung von hölzerner Dramaturgie zunichtegemacht.

– „Promised Land“ von Gus Van Sant (USA): Hollywoodstar Matt Damon soll als Mitarbeiter einer Erdgasfirma die Bewohner einer Kleinstadt überzeugen, die Förderrechte für das Erdgas unter ihrem Farmland an einen Energiekonzern zu verkaufen. PRO: Starke politische Botschaft, starker Schauspieler. CONTRA: Absehbares Happy End.

– „Paradies: Hoffnung“ von Ulrich Seidl (Österreich): Abschluss von Seidls „Paradies“-Trilogie, in dem er von einem Diätcamp für Jugendliche erzählt. PRO: Überzeugt mit fast dokumentarischer Strenge und genauer Beobachtung des Erwachens jugendlicher Sexualität. CONTRA: Die Erwachsenen-Figuren sind eher Karikaturen als eigenständige Charaktere.

– „Dolgaya schastlivaya zhizn“ („Ein langes und glückliches Leben“) von Boris Khlebnikow (Russland): Junger Bauer auf der nordrussischen Kola-Halbinsel gerät mit den Behörden in Konflikt, weil er sein gepachtetes Land nicht gegen eine Abfindung an einen Provinz-Karrieristen abgeben will. PRO: Existenzielles Drama in beeindruckender Natur. CONTRA: Teils übertrieben wackelige Handkamera nervt.

– „Gold“ von Thomas Arslan (Deutschland): Nina Hoss als deutsche Auswanderin, die sich mit einer Gruppe Gleichgesinnter auf den beschwerlichen Weg zur Goldsuche im kanadischen Klondike-Fluss aufmacht. PRO: Lakonische, fast dokumentarische Erzählweise. CONTRA: Bei aller Authentizität bleiben die großen Kinoemotionen etwas auf der Strecke.

– „The Necessary Death of Charlie Countryman“ von Fredrik Bond (Schweden): Starbesetzte Story mit Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen und Til Schweiger. PRO: Gewagte Mischung aus Thriller, Romanze und Selbstfindungstrip. CONTRA: Ausgefranste Farce, die zwanghaft lustig sein will – not necessary!

– „Gloria“ von Sebastián Lelio (Chile): Eine Frau Ende 50, geschieden und mit zwei erwachsenen Kindern, träumt noch einmal den Traum von der großen Liebe. PRO: Gelungene, gefühlvolle Gratwanderung zwischen Komik und Tragik, Lebenslust und Melancholie. CONTRA: Stilistisch wenig aufregend.

– „Die Nonne („La Religieuse“) von Guillaume Nicloux (Frankreich): Junges Mädchen wird im 18. Jahrhundert von ihren Eltern gezwungen, ins Kloster zu gehen. PRO: Der Film steht und fällt mit der grandiosen Hauptdarstellerin Pauline Étienne. CONTRA: Bisweilen zu theatralisch.

– „Vic+Flo haben einen Bären gesehen“ („Vic+Flo ont vu un ours“) von Denis Côté (Kanada): Eine gerade aus dem Gefängnis entlassene Frau sucht in den Wäldern Kanadas im Haus eines Verwandten Ruhe und bekommt Besuch von ihrer Geliebten. PRO: Skurriler Film über die dunklen Seite der Liebe mit sehr präsenten Schauspielerinnen. CONTRA: Versuch eines philosophischen Horrorfilms, der seine Charaktere aber zu skizzenhaft anlegt.

– „Die Stellung des Kindes“ („Pozitia Copilului“) von Calin Peter Netzer (Rumänien): Schwierige Mutter-Sohn-Beziehung in einer korrupten Gesellschaft. PRO: Über eine persönliche Tragödie wird die Tragödie einer Gesellschaft erzählt, die alle Menschlichkeit an Geld- und Machtgier verkauft. CONTRA: Sehr kühl inszeniert, deshalb fühlt der Zuschauer mit keiner der Figuren so richtig mit.

– „Layla Fourie“ von Pia Marais (Südafrika): Alleinerziehende Mutter aus Johannesburg überfährt einen Mann und verstrickt sich anschließend in ein Netz aus Lügen, um ihren Job nicht zu verlieren. PRO: Intensive Momentaufnahmen vom Alltag in Südafrika. CONTRA: Völlig konstruierte Story mit etlichen logischen Fehlern.

– „Geschlossener Vorhang“ („Pardé“) von Jafar Panahi und Kambozia Partovi (Iran): Heimlich und ohne Genehmigung der iranischen Behörden gedrehter Film über von dem Regime verfolgte Menschen. PRO: Symbolisch aufgeladenes Werk, das die Eingeschlossenheit der von ihrem eigenen Land drangsalierten Menschen spürbar macht. CONTRA: Kammerspiel, das ein gewisses Vorwissen über die Lage der iranischen Filmemacher voraussetzt.

– „Side Effects“ von Steven Soderbergh (USA): Ein ehrgeiziger junger Psychiater will den dramatischen Nebenwirkungen eines Antidepressivums auf die Spur kommen. PRO: Spannender Psychothriller über die Machenschaften von Pharmakonzernen. CONTRA: Mancher Zuschauer mag das Genrekino für solch ein brisantes Thema nicht geeignet finden.

– „Camille Claudel 1915“ von Bruno Dumont (Frankreich): Die französische Bildhauerin Camille Claudel, Schwester des Dichters Paul Claudel, wird von ihrer Familie von 1915 an bis zu ihrem Tod in eine psychiatrische Anstalt gesperrt. PRO: Brillante Schauspielleistung von Hauptdarstellerin Juliette Binoche. CONTRA: Dem Zuschauer wird die Zeit im Kino fast so lang wie Camille das Warten auf die erhoffte Befreiung aus der Anstalt.

– „An Episode in the Life of an Iron Picker“ („Epizoda u zivotu beraca zeljeza“) von Danis Tanovic (Bosnien und Herzegowina): Eine Roma-Familie spielt eine Episode aus ihrem eigenen Leben nach. Weil die Familie das Geld für die Krankenhausbehandlung der Mutter nicht bezahlen kann, stirbt die schwangere Frau fast. PRO: Starker Blick auf die Wirklichkeit. CONTRA: Der Winter als Symbol für das harte Leben der Roma wird überstrapaziert.

– „Prince Avalanche“ von David Gordon Green (USA): Zwei Straßenbauarbeiter verbringen den Sommer mit der Markierung von Fahrbahnen in einer von Bränden gezeichneten Waldgegend. PRO: Skurrile Wiederbelebung des Lebensgefühls der 1980er Jahre. CONTRA: Story zu dünn und harmlos.

Quelle: dpa
Google-Anzeigen
Kommentar schreiben
Name
Überschrift
Ihr Kommentar