FreizeitDie Geschichte des Berliner Nachtlebens

© dpa/Chris Hoffmann
David Bowie lebte in den 70er Jahren in Berlin.
Die Geschichte des Berliner Nachtlebens

„40 Jahre Berliner Nachtleben sind eigentlich viel zu viel Stoff“, sagt Wolfgang Farkas, einer der Herausgeber. Einen Anspruch auf Vollständigkeit gebe es daher nicht, stattdessen wird der Bogen von freizügigen Bars in West-Berlin über die Techno-Bewegung bis hin zu legendären Clubs wie dem „Berghain“ im Ortsteil Friedrichshain gespannt.

„Wir haben versucht, die Clubs und Bars zusammenzutragen, die zu ihrer Zeit exemplarisch waren oder einen wirklich neuen Stil gegründet haben“, erklärt Farkas. Der Band ist opulent bebildert mit zahlreichen Schnappschüssen, auf denen fast beiläufig Stars wie Farin Urlaub, Ben Becker oder Vincent Cassel auftauchen.

Zahlreiche Künstler berichten sehr persönlich von ihren Erinnerungen, ob an „Penny Lane's Frisörsalon“, wo neben Musik und Ausstellungen auch Haarschnitte im Angebot waren, oder vom Kreuzberger Restaurant „Exil“, das von Oswald Wiener - Vater von Starköchin Sarah Wiener - gegründet wurde und wo auch Andy Warhol vorbei kam und Rindfleisch aß.

Die Zeitreise beginnt mit einer der schillernsten Figuren des Berliner Nachtlebens, der transsexuellen Künstlerin Romy Haag. Sie eröffnete 1974 den Nachtclub „Chez Romy Haag“. Das Etablissement avancierte schon bald zu einem der bekanntesten Clubs in West-Berlin. Stars wie die Rolling Stones, Tina Turner oder Freddy Mercury mischten sich unter die Gäste. Und die Nachtclubchefin selbst erzählt im Buch von ihrer Affäre mit dem Sänger David Bowie.

Auch der Schriftsteller Bernd Cailloux hat einen Beitrag für den Band geschrieben und berichtet von legendären Lokalen im West-Berlin der 70er. „Es war irgendwie ein eingezäuntes Freigehege, in dem alles möglich war, was in dem anderen Teil der Bundesrepublik noch nicht möglich war“, sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Cailloux kam Mitte der 1970er Jahre aus Hamburg nach West-Berlin. „Selbst in dieser Weltstadt Hamburg war um ein Uhr Sperrstunde.“ Berlin dagegen sei durchgehend geöffnet gewesen, sagt Cailloux. „Es war auch nicht so groß, heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Westberlin war relativ klein und im Wesentlichen spielte die Musik in Schöneberg, Charlottenburg und Kreuzberg.“

Gleichzeitig sei es eine ramponierte und entkräftete Stadt gewesen, in der ein Szeneleben entstehen konnte - wie im Café M in Schöneberg, das sich zum Künstlertreff entwickelte. Das Lokal hieß ursprünglich Mitropa, musste aber seinen Namen ändern, weil die DDR-Behörden die Nutzung des Namens untersagten - er gehörte der ostdeutschen Speisewagengesellschaft.

Heute lebt der Schriftsteller in Schöneberg, auch das Café M existiert noch. Hinein geht Cailloux nach eigener Aussage aber nicht mehr. „Das sind abgeschlossene Phasen.“

(Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, Heiko Zwirner (Hrsg.), Nachtleben Berlin - 1974 bis heute, ISBN 978-3-8493-0304-4)

Quelle: dpa