GesellschaftOstprodukte liegen weiter im Trend

© dpa / Jens Wolf
Auch die DDR-Fahne mit Hammer und Zirkel im Ährenkranz wird im „Ostprodukte-Versand“ in Tangermünde weiterhin angeboten.

Zwischenhändler streifen durch das Lager. Sie packen ein, was Fans von DDR-Produkten auf der ganzen Welt nicht nur unbedingt haben, sondern auch essen, benutzen und anschauen wollen. Die Bestellzettel sind lang. Der Ostprodukte-Versand in Tangermünde ist auf Waren „Made in GDR“ spezialisiert. Seit zehn Jahren bedient er den anachronistischen Ost-Hype. Ein Boom, der nicht enden will. Aber warum ist das so?

Nach Angaben der Betreiber ist der Ostprodukte-Versand in jedem Jahr seit der Eröffnung gewachsen. 2012 spülten die Artikel rund 1,2 Millionen Euro Umsatz in die Kasse – elf Prozent mehr als 2011. Neben einem Online-Shop gibt es ein DDR-Kaufhaus in der historischen Altstadt von Tangermünde. „Die Kunden müssen auch sehen, riechen und anfassen können“, sagt Geschäftsführer Torsten Klipp. Im Schaufenster des Geschäfts sitzen der DDR-Sandmann und seine Freunde. Ein halber, quietschgelber Trabbi ist längst Teil der Backsteinfassade geworden. Sätze von Kunden wie „Das hatten wir früher auch“ sind an der Tagesordnung.

Für Marko Sarstedt von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ist der Griff zu DDR-Waren ein Automatismus, dessen Wurzeln in der Kindheit liegen. „Man assoziiert ganz unbewusst etwas mit den Produkten“, sagt der Marketingexperte. Das Geheimnis: Markenprägung. „Die wichtigsten Prägungen sind im Alter von etwa sieben Jahren abgeschlossen.“ Die Menschen im Osten sind mit DDR-Alltagsdingen aufgewachsen und bis heute unbewusst an sie gebunden. Marken, die damals schon in den Regalen standen, haben eine hohe Glaubwürdigkeit.

Nach der Wende gerieten die DDR-Produkte zunächst aufs Abstellgleis. Die neuen, bunten und hippen Westmarken liefen ihnen den Rang ab. Ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung gab es eine Rückbesinnung. Klipp hatte 2003 die Idee, mit Ostprodukten Geld zu verdienen. Er startete sein Geschäft im Arbeitszimmer seiner 70 Quadratmeter großen Wohnung. Heute beschäftigt der 34-Jährige zwölf Mitarbeiter und residiert mit Büro und Lager in einer alten Brauerei. Im durchgestylten Eingangsbereich steht eine Lenin-Büste.

„Ich hatte immer den Ansporn, eine möglichst breite Produktpalette anzubieten“, sagt Klipp. Im wohlgeordneten Internetshop finden sich heute rund tausend Produkte. Etwa 100 000 Käufer stehen in der Kundendatei. Jeder Zehnte setzt seine Bestellung aus dem Ausland ab, beim übrigen Klientel halten sich Ost und West laut Klipp die Waage. Ganze Paletten werden vom Ostprodukte-Versand in die Lager großer Supermarktketten oder anderer Händler geliefert. Hoch im Kurs steht das „Ostalgie-Paket“ mit „Ostprodukten die man kennt und braucht“.

Doch Klipp verlässt sich nicht auf Selbstläufer wie Nudossi, Halloren-Kugeln und Spreewald-Gurken. Er hat geschützte Eigenmarken herausgebracht. „Es geht um die Weiterentwicklung eines Trends und darum, bei jungen Leuten anzukommen“, sagt der Groß- und Außenhandelskaufmann. Renner ist die Eigenmarke „Held der Arbeit“. Davon gibt es Unisex-Duschgel in schlanker, schwarzer Flasche, Flaschenöffner, Zollstock und Tasse. Auch die Marke „Aktivist der 1. Stunde“ hat sich Klipp schützen lassen. Traditionelle Produkte wie die berühmten Huhn-Eierbecher hat der 34-Jährige mit dem Hersteller auf zeitgemäß getrimmt: Das Plastikgeflügel glitzert in schwarz, rot und gold und wird ausschließlich für Klipps Spezialversand hergestellt.

„Wer so etwas kauft, rebelliert auch ein bisschen gegen die übrigen Marken im Supermarktregal, denen oft der fade Beigeschmack der Homogenität anhaftet“, sagt Wissenschaftler Sarstedt. Hinzu kämen Neugier und die Suche nach Bodenständigkeit und Langlebigkeit.

Quelle: dpa
Google-Anzeigen
Kommentar schreiben
Name
Überschrift
Ihr Kommentar