MusikPromi-Geburtstag vom 27. Februar 2017: Gidon Kremer

© dpa/Hermann Wöstmann
Nur Musik und nicht „all der Blödsinn“: Gidon Kremer wird 70.
Promi-Geburtstag vom 27. Februar 2017: Gidon Kremer

Eher schüchtern tritt Gidon Kremer vor die Berliner Philharmoniker. Sein langes weißes Hemd fällt wie ein Kittel. Kremer wartet einige Sekunden, dann fängt seine Geige an zu flirren.

Mit Sofia Gubaidulinas Violinkonzert „In tempus praesens“ steigen Lufttöne auf, Klang, der sich verflüchtigt. Kremer ist an diesem Dezemberabend ein Meister der Sanftmut, zügelt sogar das Temperament von Christian Thielemann am Dirigentenplatz. Bald wird die Realität den Geiger aus Lettland wieder einholen.

Es kommt vieles zusammen in diesen Wochen für Gidon Kremer, da ist sein 70. Geburtstag am Montag (27. Februar) wohl das Wenigste. Gerade hat er mit seinem Orchester Kremerata Baltica eine Tournee durch Italien absolviert, demnächst steht eine Reise nach Asien an. Zur Zeit sei er „besessen“ von einem Multimediaprojekt, Auftritte mit der Pianistin Martha Argerich stehen bevor - Kremer der Unermüdliche, der Virtuose, Orchestergründer und Kunstaktivist. Der in Lettland geborene Musiker mit deutschem Pass und leichtem österreichischen Akzent bleibt ein „perpetuum mobile“.

Woher nimmt er die Kraft und Konzentration dazu? „Aus der Überzeugung, dass ich eine Aufgabe habe“, sagt er im Telefongespräch aus Turin. „Ich will nicht als Geiger gesehen werden, sondern als Musiker, als Mensch.“ Kremer muss nichts mehr beweisen, er gehört zu den weltweit berühmten Klassikkünstlern.

„Es geht nicht um Ambition, wie sie so viele junge Künstler haben und auch ich wahrscheinlich in meiner Jugend hatte - der Beste zu sein oder berühmt zu werden“, sagt er. „Mich beschäftigt die Musik und nicht all der Blödsinn, der sich drumherum abspielt, auf dem Musikmarkt oder unter Kollegen.“

Seit rund einem halben Jahrhundert steht Kremer auf der Bühne, mehr als 100 CDs hat er aufgenommen. Er spielte mit Leonard Bernstein und Herbert von Karajan, mit Nikolaus Harnoncourt und James Levine. Ob die Tangos von Astor Piazzolla, die Musik der Zeitgenossen Arvo Pärt und Alfred Schnittke - mit Neugierde und einem guten Gefühl für Timing hat der Geiger stets auch den Zeitgeist verstanden. Gerade hat er die Kammersinfonien von Mieczysław Weinberg (1919-1996) aufgenommen, der unter anderem die Musik zum legendären sowjetischen Film „Wenn die Kraniche ziehen“ schrieb.

War Kremer eine Karriere als Geiger zu wenig? „Ich habe das anders für mich definiert, weil ich der Welt gegenüber offen sein und Abenteuer eingehen will“, sagt er. „Als junger Mensch wollte ich Regisseur werden.“ Nach einigen szenischen Versuchen hat er jetzt ein Multimedia-Projekt mit der Kremerata Baltica zur Flüchtlingstragödie begonnen. Mit Musik von Robert Schumann und Karlheinz Stockhausen schuf er eine Animation um Kieselstein-Skulpturen des syrischen Künstlers Nazir Ali Badr.

Vielleicht hat die Neugierde auch etwas mit realen Grenzüberschreitungen zu tun. Der in Riga geborene Sohn eines jüdisch-baltischen Musikers und einer deutschen Mutter zog zum Musikstudium nach Moskau. Frei ausreisen durfte er aus der Sowjetunion nicht. Nach mehreren Auftrittsverboten entschloss er sich 1980, in Deutschland zu bleiben. Über Jahre durfte er nicht in seine Heimat zurückkehren.

Als Versuch einer „Entlarvung des überkommerzialisierten Musikbetriebs“ gründete Kremer 1981 im burgenländischen Lockenhaus ein Kammermusik-Festival als Ort der Risikofreude und Experimente. 1997 folgte die Kremerata Baltica mit Musikern aus den baltischen Staaten. Der Zusatz „Baltica“ galt als politisches Statement. „Das ist noch heute so“, sagte der Geiger. „Wir waren eines der ersten Ensembles, die sich mit Europa beschäftigt haben.“ Es schmerze ihn, was sich in Europa gerade abspiele. „Ich hoffe nicht, dass die populistischen Kräfte in Holland oder Frankreich die Oberhand bekommen.“

Und wie wird er seinen Geburtstag feiern? „Ganz privat und nicht in der großen Öffentlichkeit. Ich beschenke mich mit Musik und möchte auch andere mit Musik beschenken.“

Quelle: dpa